Grisper Castle - Spuk aus Whisper Hollow
Das Buch bei: Amazon - Thalia - Hugendubel
Klappentext:
Mit dem Frühling kehrt neues Leben auf Grisper Castle ein und mit ihm fünf astronomiebegeisterte Freunde, die das alte Gemäuer für ihr Wiedersehen gewählt haben. Was als unbeschwertes Zusammensein beginnt, wird schon bald mehr verändern, als sie ahnen. Während Marek und Craig ihr gemeinsames Glück auskosten, sind auch die anderen Schlossbewohner nach den Ereignissen der Vergangenheit ein wenig zur Ruhe gekommen und genießen die wiedergewonnene Normalität.
Doch der Frieden trügt. Tief im Nebelwald erwacht ein längst vergessenes Geheimnis, das untrennbar mit Grisper Castle verbunden ist. Marek, Craig und ihre Freunde müssen erkennen, dass manche Geschichten nicht ruhen, solange sie nicht zu Ende erzählt wurden. Manches überdauert die Zeit und wartet im Schatten darauf, zurückzukehren. Ihnen wird klar, dass Nähe und Vertrauen wichtiger sind denn je – und dass die Liebe manchmal stärker ist als alles, was sie zu begreifen glauben.
Cosy Mystery mit einem Hauch Magie – warm, humorvoll und schaurig schön.
Kapitel 1 - Schaukelstuhl der Vergangenheit
Wir sind wie Sterne am Himmel. Und selbst wenn ein Stern erlischt, findet er den anderen in der Dunkelheit wieder. Eleonora hatte diesen Satz oft gesagt, wenn sie abends in ihrem Garten gemeinsam unter dem alten Apfelbaum gesessen hatten und der Himmel über ihnen langsam dunkel geworden war. Als sie dann gestorben war, hatten diese Worte Hamish jedes Mal Trost gespendet. Genau wie heute.
Der Wind trug den Duft von reifen Äpfeln und Blumen über den Marktplatz von Darkmoor. Hamish mochte den Markttag. Das Gewimmel der Menschen zwischen den Ständen, das Summen der Stimmen und das freudige Kribbeln, wenn sie etwas in den Auslagen erspäht hatten, das ihnen gefiel.
Früher hatten sie gemeinsam eingekauft. Eleonora war jedes Mal die Erste gewesen, die an einer Auslage stehen geblieben war und sich zu ihm umgedreht hatte, mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Er hörte selbst jetzt noch ihre Stimme: „Was meinst du, Schatz? Kartoffeln oder Pastinaken?“
Und heute … heute hatte es etwas Tröstliches für ihn, wenn er an diesen Tagen über den Markt spazierte. Es war, als wäre Eleonora noch immer bei ihm, ging neben ihm her, schaute ihn mit ihren braunen Augen an und lächelte. Ihre treuen brauen Augen, der Klang ihres Lachens – all das war für ihn zu Hause gewesen. Noch heute konnte er manchmal fast die Berührung ihrer Hand spüren, wenn sie beim Spazieren seine ergriffen hatte.
Seine Tasche war schon gut beladen: Kartoffeln, Zwiebeln und eine Flasche Milch. Unvermittelt traf ihn ein Duft, der süß und fremd zugleich war – wie Honig, der zu lange in der Sonne gestanden hatte. Hamish hielt inne. Dieser unwiderstehliche Geruch schien ihn mit einer unsichtbaren Hand zurückzuhalten. Er blieb stehen und musterte die Buden um sich herum.
Ein kleiner Blumenstand befand sich schräg rechts von ihm.
Davor standen zahlreiche Eimer, in denen bunte Blumen darauf warteten, gekauft zu werden. Gerbera, Nelken und … Hamish schluckte. Die Rosen dort waren … er suchte nach einem passenden Wort … überirdisch.
Ihre Blüten schimmerten in einem dunklen Rot, durchzogen von goldenen Adern. Violett- und Blautöne glitzerten wie Sonnenstrahlen, die sich in feinem Tau brachen auf den Blättern, als wären sie in Samt gewickelt.
„Schön, nicht wahr?“ Zart und freundlich drang die Stimme der Verkäuferin an sein Ohr. Ihr Lächeln war eine stille Einladung, und Hamish konnte nicht anders, als näher heranzugehen. Sie hatte ihr Haar zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden. In den Händen hielt sie einen Strauß mit ebendiesen Rosen, die Hamish so gefielen. Für einen Augenblick verlor sein Herz den Takt. Eleonora hätte sie geliebt.
„Was kosten sie?“ Seine Stimme klang heiserer, als er erwartet hatte.
Die Frau sah ihn an und lächelte kurz. „Zehn Stück, fünf Pfund.“ Ihr Blick wurde weicher, fast fürsorglich. Nach einem Moment fügte sie hinzu: „Wissen Sie was … weil heute so ein schöner Tag ist, bekommen Sie fünf extra.“
Hamish schaute auf die Rosen, dann zu ihr. Mit den Fingerspitzen fuhr sie über die Blüten, so vorsichtig, als könnten sie unter ihr zerbrechen. Er konnte nicht anders, als zu nicken. Nachdem er bezahlt hatte, machte er sich mit seinen Einkäufen und dem Strauß in der Hand auf den Weg nach Hause.
Dort stellte er die Rosen in die Vase, in deren Glasur sich schon leichte Risse bildeten. Risse, die von den vielen Jahren zeugten, die diese Vase schon in ihrem Besitz war. Eleonora hatte sie immer auf der Anrichte in der Küche stehen und jede Woche mit neuen Blumen bestückt.
Behutsam strich er mit dem Finger über einen der Risse und lächelte. Unweigerlich schloss er die Augen und Eleonora lächelte zurück. Er platzierte den Strauß an genau dieser Stelle und betrachtete ihn noch einmal.
Hamish zog die Schublade darunter auf und holte das ledergebundene Fotoalbum mit den abgeschabten Ecken heraus. Er ließ sich mit einem leisen Seufzen in den Sessel sinken, der ein protestierendes Schnarren von sich gab. Eine Seite, zwei Seiten, und schon lächelte sie ihm entgegen – sein Mädchen mit dem wohlgeformten Gesicht, der gestrickten Jacke und den klugen Augen, und Hamish glitt in eine längst vergangene, glücklichere Zeit zurück.
Er blätterte um. Ein weiteres Foto, das für ihn den Inbegriff von Glück darstellte: Eleonora in ihrem geliebten Schaukelstuhl. Mit dem Strickzeug in der Hand strahlte sie ihm entgegen. Er konnte sich noch an den Tag erinnern, an dem er dieses Foto geschossen hatte. Zwei Wochen später war bei ihr der Krebs diagnostiziert worden. Auch danach hatte sie noch oft in diesem Stuhl gesessen, hatte gelächelt und ihm Socken gestrickt, aber nie mehr so hell wie an diesem Tag.
Knarr – knarr.
Hamish, noch in seinen Gedanken gefangen, hielt inne. Blieb mit dem Finger auf der Seite. Er richtete sich auf, sah zur Tür und horchte, doch es war still. Er strich sich über sein Gesicht und lehnte sich zurück in die Polster. Seine Sinne hatten ihm wohl einen Streich gespielt.
Knarr – knarr.
Das Geräusch war langsam und gleichmäßig. Fast wie damals. Genauso hatte es immer geklungen, wenn Eleonora in ihrem Schaukelstuhl gesessen hatte.
Er hielt den Atem an und lauschte.
Knarr – knarr.
Konnte das sein? Seit ihrem Tod hatte er das nicht mehr gehört.
Hamish stand auf. Bedächtig ging er zur Tür, tastete nach dem Lichtschalter im Gang und drückte ihn, aber der Flur blieb dunkel.
Knarr – knarr.
Er betrat den Gang und steuerte die Treppe an. Auf der untersten Stufe blieb er stehen und lauschte erneut.
Knarr – knarr.
Diesmal war er sich sicher: Es kam von oben. Aus ihrem Zimmer.
Seine Hand krampfte sich um das Geländer der Treppe. Seit ihrem Tod war die Tür verschlossen geblieben. Niemals hatte er sie geöffnet. Nie.
Ein kalter Luftzug wehte ihm entgegen, als er die Stufen emporstieg. War jemand durch das Fenster eingebrochen? Hamishs Herz begann zu pumpen.
Oben angekommen, sah er, dass die Tür einen Spalt offenstand. Er legte die Hand auf das Holz, das sich unter seinen Fingern seltsam kalt anfühlte.
Vorsichtig schob er sie auf.
Der Schaukelstuhl bewegte sich. Vor und zurück. Vor und zurück.
Hamish blinzelte gegen das Licht, das durch die Spitzenvorhänge fiel. Eine Gestalt saß dort, mit dem Rücken zu ihm, dem Fenster zugewandt. Die Schultern waren schmal und das Haar hochgesteckt.
Er trat einen Schritt näher. „Eleonora?“, flüsterte er.
Das Schaukeln verstummte. Der Raum wurde still und die Frau erhob sich. Langsam drehte sie sich zu ihm um.
Das Letzte, was er spürte, war Kälte. Eisige, alles durchdringende Kälte.
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