Hunter B. Holmes - Mord unter dem Weihnachtsbaum
Das Buch bei: Amazon - Thalia - Hugendubel
Klappentext:
Weihnachten in London – festlich, romantisch … und mörderisch.
Im traditionsreichen Londoner Kaufhaus Bradleys endet die große Weihnachtsfeier mit einem Skandal. Doch damit nicht genug: Am nächsten Morgen wird Tom Carter, der charmante Kaufhaus-Weihnachtsmann, tot in der festlich geschmückten Spielwarenabteilung aufgefunden – in einer Szenerie, die eher an ein Märchen als an ein Verbrechen erinnert.
Bei den Ermittlungen gerät Hunter gemeinsam mit seinem Partner David Cloverfield mitten in ein Geflecht aus Affären, verletzten Eitelkeiten, alten Schulden und einem Geheimnis, das besser nie ans Licht gekommen wäre. Jeder im Kaufhaus scheint etwas zu verbergen – und mindestens einer war bereit, dafür zu töten.
Zwischen Lichterglanz, britischem Humor und einer Prise Romantik entfaltet sich ein weihnachtlicher Cosycrime voller Charme, Spannung und überraschender Wendungen – perfekt für alle, die gern miträtseln und sich in stimmungsvolle Winterkrimis entführen lassen wollen
Kapitel 1 - Weihnachtsshopping
Der Weihnachtsbaum des Kaufhauses Bradleys war für Hunter, wie auch in den Jahren zuvor, der schönste, den er kannte. Weder so luxuriös wie der von Harrods noch so modern wie der bei Selfridges, sondern einfach wunderbar nostalgisch. Wann immer er in der Nähe von Bradleys war, blieb er vor dem Baum stehen und betrachtete ihn. Obwohl er jedes Jahr anders geschmückt wurde, schafften es die Dekorateure, einen für ihn alljährlich vertrauten Anblick zu erzeugen, der ihn auf magische Weise in seine Kindheit zurückversetzte.
So auch heute. Neben ihm stand Steven, der seinen Blick fast schon ehrfürchtig über den Baum wandern ließ. Er hatte die Augen zusammengekniffen, als versuchte er, jedes Detail einzufangen, was schon aufgrund der Größe des Schmuckstücks ein Ding der Unmöglichkeit war.
„Dieser Baum ist ein Traum“, murmelte Steven und deutete auf ein filigran geschnitztes Schaukelpferd, das sich drehte und im Schein der Lichterkette nahezu lebendig wirkte. „Meinst du, sie verkaufen die Ornamente, die hier hängen? Ich brauche unbedingt ein paar davon … und die Kugeln dort oben – sie sehen aus, als wären sie direkt aus einem alten Weihnachtsfilm gestohlen worden.“ Er machte einen Schritt vor. „Außerdem brauchen wir noch Lichterketten, Lametta, vielleicht sogar diese glitzernden Sterne …“
Hunter grinste und lehnte sich gegen eine Säule, die mit Tannenzweigen und goldenen Bändern dekoriert war. „Du bist ja schlimmer als ich“, sagte er amüsiert mit einem freudigen Kribbeln in der Brust. Die Begeisterung, die Steven ausstrahlte, war ansteckend.
Er beobachtete ihn vor dem Weihnachtsbaum. Seine Augen funkelten fast so hell wie die Lichterketten, die sich durch die Äste zogen. Und er erinnerte sich noch gut an den Moment, als er ihn zum ersten Mal gesehen hatte – damals, während der Ermittlungen zu einem Mordfall an der Universität, an der Steven arbeitete. Steven war als Sekretär mitten im Chaos aufgetaucht mit einem fürsorglichen Blick in seinen braunen Augen, der Hunter sofort fasziniert hatte. Auch damals hatten sie so gefunkelt. Als er ihn nach der Aufklärung des Falls um ein Date gebeten hatte, hätte er nicht zu hoffen gewagt, dass sie es bis hierher schaffen würden.
Und jetzt war ein halbes Jahr vergangen und sie waren gemeinsam hier – vor einem Baum, der größer und schöner war, als Hunter es sich je hätte vorstellen können. Ihr erstes gemeinsames Weihnachten.
Vor seinem inneren Auge sah er, wie Steven in der kleinen Villa genau diese Ornamente sorgsam an einen Baum hängte – einen zimmerhohen Baum, direkt neben dem Kamin.
Die Villa hatte er überraschend von der Schwester seiner Mutter geerbt – einer Tante, mit der er nie Kontakt gehabt hatte, weil sich die Schwestern vor Jahrzehnten zerstritten hatten. Steven hatte das Haus eigentlich verkaufen wollen. Bis er es zum ersten Mal betreten hatte. Liebe auf den ersten Blick ... bei ihm, wie bei Hunter.
Die alte viktorianische Villa mit ihrem roten Ziegeldach, der weiß-gelben Fassade und einer alten, knorrigen Kastanie, deren Äste über das Schlafzimmerfenster ragten, war für Hunter ein Ort, der ebenso viel Zauber ausstrahlte wie dieser Weihnachtsbaum. Das Haus war zwar schon in die Jahre gekommen, doch gerade das verlieh ihm einen gewissen Charme.
In den letzten Wochen hatten Steven, sein bester Freund Mark und dessen Mann Ben mit Farbeimern, Werkzeug und jeder Menge Herzblut aus dem alten Gemäuer ein Zuhause geschaffen. Jetzt fehlte nur noch ein Hauch weihnachtlicher Magie. Und Bradleys, dachte Hunter, war genau der richtige Ort, um sie zu finden.
„Schlimmer als du?“ Steven drehte sich mit gespielter Entrüstung zu ihm um, die Augenbrauen leicht hochgezogen. „Du und Dekorationen? Du hast doch zwei linke Hände, sobald es darum geht, etwas hübsch zu arrangieren.“
Hunter lachte leise, legte den Arm um Stevens Schultern und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. „Schuldig im Sinne der Anklage. Aber nur weil ich keine Ahnung habe, was zusammenpasst, heißt das nicht, dass ich den Zauber von Weihnachten nicht zu schätzen weiß, ganz im Gegenteil.“ Sein Blick wanderte zurück zu dem majestätischen Baum, dessen Ornamente im warmen Licht der Lichterketten funkelten. „Außerdem habe ich mit Godric den Meister im Dekorieren bei mir.“
Steven schüttelte den Kopf und grinste. „Ja, ich weiß. Einen Butler müsste man haben.“ Seine Stimme triefte vor ironischem Bedauern und ein amüsiertes Glitzern tanzte in seinen Augen.
„Ich könnte ihn ja mal fragen“, erwiderte Hunter mit einem unschuldigen Schulterzucken. „Er wäre bestimmt höchst erfreut, dir bei der Deko zu helfen.“
„Oh, nein! Das wirst du schön bleiben lassen.“ Steven hob einen Finger und wies damit in gespieltem Ernst in Hunters Richtung. „Mein Haus, meine Deko, meine Aufgabe. Godric darf am Weihnachtsabend kochen – das muss reichen.“
Gerührt betrachtete Hunter ihn. „Danke, dass er mit uns feiern darf. Auch wenn er es nie zugeben würde, hätte es ihn getroffen, an Weihnachten allein zu sein.“
Steven legte den Kopf schief und lächelte. „Also bitte. Godric gehört doch längst zur Familie. Außerdem kommen Mark und Ben auch und da hattest du ja auch nichts gegen.“
„Weil ich die beiden mag“, erwiderte Hunter. „Sie sind echte Freunde. Und bei der Renovierung haben sie dich wie die besten Handwerker der Stadt unterstützt.“ Er nickte in Richtung Rolltreppe, die von funkelnden Girlanden gesäumt war. „Wollen wir mal rauf? In der vierten Etage wartet die Weihnachtsabteilung.“
„Genau deshalb sind wir hier, nicht wahr?“, entgegnete Steven und ergriff Hunters Hand. Gemeinsam schlenderten sie zur Treppe, während die Klänge von Bing Crosbys White Christmas durch die Kaufhausgänge schwebten.
Schon von der Rolltreppe aus strahlte ihnen der Eingang des Christmas Wonderland entgegen – ein funkelnder, breiter Torbogen aus Lichtern und Tannengrün, der die vorbeigehenden Besucher wie magisch anzog.
Die vierte Etage von Bradleys war kaum mehr wiederzuerkennen: Wo sonst Regale voller Spielzeug standen, erstreckte sich nun eine glitzernde Winterlandschaft. Ein auf den Boden gemalter Steinweg führte durch einen verschneiten Weihnachtswald zu Santas Werkstatt, in der Kinder mit leuchtenden Augen dem Kaufhausweihnachtsmann ihre Wünsche zuflüsterten.
Eine kleine Eislaufbahn lag in der Mitte des Geschehens, umgeben von Ständen mit Christbaumschmuck, zuckersüßen Leckereien und festlicher Außendekoration. Ein wahres Paradies für Weihnachtsfans.
Hunter und Steven traten durch das Tor, begleitet von den sanften Klängen von Silent Night, das aus gut versteckten Lautsprechern ertönte. Hunter war wie in eine andere Welt versetzt – eine Welt, in der Magie und Weihnachtszauber mit jedem Atemzug spürbar wurden. Das Kaminzimmer von Rosemoor Hall blitzte in seinem Kopf auf. Ein üppiger Weihnachtsbaum und seine Familie davor, er und sein Bruder packten Geschenke aus und seine Mutter las aus einem Buch mit Wintermärchen vor.
„O mein Gott. Sieh dir das an!“, flüsterte Steven und holte ihn zurück ins Hier und Jetzt. Seine Stimme war zwar gedämpft, doch er hörte überdeutlich die Aufregung heraus, seine Augen glänzten begeistert.
Noch bevor Hunter etwas sagen konnte, schnappte sich Steven einen der bereitstehenden Einkaufskörbe und steuerte zielstrebig auf das erste Regal zu, in dem kunstvoll bemalte Weihnachtskugeln und zierliche Engel in unterschiedlichen Farben aufgereiht waren. Er nahm eine Kugel in die Hand, drehte sie prüfend im Licht und sein Lächeln wurde noch breiter, bevor ein halbes Dutzend davon in seinen Korb wanderten.
Hunter blieb stehen und ließ die Szenerie auf sich wirken. Der Duft von gerösteten Mandeln, Zuckerwatte und frisch gebackenem Pfefferkuchen umhüllte ihn wie eine warme Decke. Die Atmosphäre war so einnehmend, dass er fast vergaß, wo er sich befand. Es hätte genauso gut der Weihnachtsmarkt in seiner Heimat Meadowfield Hills sein können.
Als er sich umsah, blieb er an einer Traube Menschen hängen. Hinter einem langen Tresen stand ein Mann, der aus glänzenden Strängen in den buntesten Farben Bonbons formte. Immer wieder knetete er die Masse und zwirbelte sie umeinander. Gerade die Kinder schauten ihm staunend und mit offenstehenden Mündern zu.
Die nächste Stunde verbrachten sie damit, durch die Weihnachtswelt zu bummeln. Steven war in seinem Element, inspizierte Ornamente, verglich Lichterketten und sammelte Inspirationen für die Dekoration ihres Hauses. In Hunters Brust breitete sich dabei ein warmes Gefühl aus. Es war nicht nur der Weihnachtszauber um sie herum, es war vor allem Steven, der mit jedem Lächeln und jedem freudigen Ausruf diesen Zauber verstärkte und in Hunter die Vorfreude auf den gemeinsamen Weihnachtsabend wachsen ließ. Ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest.
Während er die festliche Atmosphäre genoss, blieb sein Blick an dem überdimensionierten Ledersessel hängen, auf dem der Weihnachtsmann saß und mit den Kindern sprach. Ein Kind nach dem anderen wurde von zwei in Elfenkostümen steckenden Männern auf seinen Schoß gehoben, und jedes Mal erzählten ihm die Kleinen mit großen Augen von ihren Wünschen. Der Weihnachtsmann lauschte geduldig, lächelte und nickte den Kleinen verstehend zu, sein weißer Rauschebart wackelte dabei und funkelte im Schein der Lichterketten.
Ein kleiner rothaariger Junge war an der Reihe, seine Sommersprossen leuchteten wie winzige Sterne auf seiner Nase. „Na, du“, begann der Weihnachtsmann mit seiner warmen, tiefen Stimme. „Warst du dieses Jahr auch brav?“
Der Junge nickte erst heftig, hielt dann inne und warf dem Weihnachtsmann einen unsicheren Blick zu. „Meistens“, fiepste er schließlich, seine Hände nervös ineinander verschlungen.
Hunter bemerkte, wie der Mann unter seinem üppigen Bart ein Lächeln zu unterdrücken versuchte. „Meistens, so, so. Also hast du etwas angestellt?“ Seine Stimme war spielerisch streng, mit einem Hauch von Belustigung.
Der Junge schaute über seine Schulter zu seiner Mutter, die ein paar Yards von den beiden entfernt stand und sich gedankenverloren Christbaumkugeln ansah. Schließlich senkte er den Kopf und gestand leise: „Ich habe Glitzer in Ms Plummers Putzwasser gekippt.“
Das Grinsen unter dem Bart wurde breiter und der Weihnachtsmann, der Hunter bemerkt hatte, warf ihm einen verschwörerischen Blick zu. Hunter erwiderte ihn mit einem Schmunzeln.
„Und wer ist Ms Plummer?“, fragte der Weihnachtsmann.
„Unsere Vermieterin“, kam es kleinlaut zurück.
„Warum hast du das getan?“
Der Junge sah zu Boden, dann richtete er sich mit neuer Entschlossenheit auf. „Ich wollte, dass unser Treppenhaus glitzert. Es ist doch Weihnachten, und Mum hat gesagt, je mehr es überall glitzert, desto eher bekommt man Geschenke.“
Für einen Moment schien der Mann hinter seinem Bart mit sich zu ringen, bevor er sich räusperte. „Nun … ich denke, das können wir ausnahmsweise durchgehen lassen.“ Seine Stimme war voller Güte und er klopfte dem Jungen sanft auf die Schulter.
Hunter sah sich um, Steven war verschwunden. Er suchte die Regalreihen ab, bis er ihn schließlich vor einer beleuchteten Vitrine entdeckte. Er stand reglos da, die Hände leicht auf das Glas gelegt, und schien völlig in etwas versunken.
Als er näher zu ihm trat, erkannte er, was Stevens Aufmerksamkeit gefesselt hatte: eine große, kunstvoll gestaltete Schneekugel. In ihrem Inneren saß ein Santa Claus auf einem ledernen Ohrensessel, genau wie der hier im Kaufhaus. Neben ihm funkelte ein festlich geschmückter Baum, während ihm ein Geschenkesack, aus dem ein plüschiger Teddybär hervorlugte, Gesellschaft leistete. Auf seinem Knie saß ein Kind, die kleine Hand ehrfürchtig ausgestreckt. Der Sockel der Kugel war ein detailreich gestalteter Kamin, an dem winzige Socken hingen. Um den Kamin herum drängten sich ein Schaukelpferd, weitere Teddys, Geschenke und Bücher, jedes Detail sorgsam arrangiert.
„Ist sie nicht bezaubernd?“, flüsterte Steven, ohne den Blick von der Kugel abzuwenden. Sein Atem hinterließ einen feinen Nebelschleier auf dem Glas.
Hunter stellte sich neben ihn. „So was gefällt dir?“, fragte er, den Kopf geneigt. Die Schneekugel war niedlich, das musste er zugeben, doch die Begeisterung, die sie bei Steven auslöste, war für ihn faszinierender als die Kugel selbst.
„Irgendwie erinnert sie mich an meine Kindheit“, sagte Steven leise, seine Augen ruhten weiter auf der Szenerie in der Kugel. Es war, als wollte er jedes Detail einfangen, jede Nuance für immer bewahren. „Diese Szene ist wie die Essenz von allem, was Weihnachten für mich ausmacht – der Kamin, das Schaukelpferd, der Ohrensessel vorm Baum.“ Seine Stimme wurde weicher und ein Hauch von träumerischer Nostalgie schwang darin mit.
Hunter dachte nach. Ein Weihnachtsgeschenk für Steven fehlte ihm noch und diese Kugel schien perfekt. Doch kaum hatte er die Idee gefasst, kam ein Verkäufer, öffnete die Vitrine und holte die Schneekugel vorsichtig heraus.
„Was machen Sie da?“, fragte Steven überrascht, seine Stirn kräuselte sich.
„Was meinen Sie? Die Kugel wurde gerade verkauft“, erklärte der Verkäufer und deutete auf einen älteren Mann, der an der Kasse stand und mit einem zufriedenen Lächeln das Preisschild betrachtete.
„Haben Sie noch mehr davon?“, fragte Steven, seine Stimme klang hoffnungsvoll.
Der Verkäufer schüttelte bedauernd den Kopf. „Leider nicht. Das war die letzte. Es ist eine Sonderedition, die jedes Jahr speziell für unser Kaufhaus hergestellt wird.“ Er lächelte entschuldigend, bevor er mit der Kugel zu seinem Kunden zurückging.
Steven blickte ihm nach, dann ließ er den Kopf ein wenig sinken. „Schade“, murmelte er, bevor er sich zu Hunter umdrehte, dann winkte er ab. „Wer weiß, wofür es gut war. Und der Preis war wahrscheinlich sowieso astronomisch.“ Er streckte die Hand aus. „Komm, genug geshoppt, lass uns nach Hause gehen. Ich koche uns etwas Schönes.“ Mit einem Blick auf den überquellenden Einkaufskorb fügte er hinzu: „Und dann überlegen wir, wo wir das alles unterbringen.“
Doch während sie zur Kasse gingen, bemerkte Hunter, wie Steven noch zweimal über die Schulter zurückblickte, seine Augen noch immer sehnsuchtsvoll auf die nun leere Vitrine gerichtet.
Hier findest Du das Buch: Amazon