Hunter B. Holmes - Mord in Brick Manor

Kapitel 1 - Schrei in der Nacht

Kraftvoll stieß er zu. Das Metall drang fast widerstandslos in das Fleisch ein. Blut quoll heraus wie bei einem vollgesogenen Schwamm. Ein rauchig-würziger Duft von Röstaromen erfüllte augenblicklich den Raum.
   „Wie möchtest du dein Steak?“, fragte Godric Hunter und schaltete die Dunstabzugshaube eine Stufe höher.
   „Medium rare, bitte.“
   Behutsam ließ er das zweite Stück Fleisch in die Pfanne gleiten. Es zischte, Fett spritzte und Dampf stieg auf, den der Dunstabzug gierig einsog. Er sah auf die Uhr, bevor sein Blick zurück auf die beiden Steaks fiel. Zufrieden betrachtete er die brutzelnden Stücke in der Pfanne, während er immer wieder die Fettspritzer vom Herd abwischte.
   Hunter saß am Tisch hinter ihm und beobachtete ihn dabei. Ein Schmunzeln schlich sich auf seine Lippen. Godric mit seinem Reinhaltungstick.
   Er amüsierte sich des Öfteren über ihn, was nicht darüber hinwegtäuschte, dass er seinem Butler ungemein dankbar war. Würde er allein hier leben, würde sein Loft sehr wahrscheinlich nach kürzester Zeit im Chaos versinken. Von den regelmäßigen Mahlzeiten, die er ihm zubereitete, ganz zu schweigen. Godric an seiner Seite zu wissen, tat gut, auch mit dessen Marotten, die Hunter so manches Mal zur Weißglut treiben konnten, insgesamt jedoch eher liebenswerter Natur waren.
   Schon stellte dieser ihm einen exzellent angerichteten Teller vor die Nase und setzte sich mit dem seinen zu ihm.
   Hunter senkte den Kopf über das Steak und schnupperte. „Hmm, riecht das köstlich.“ Er schnitt sich ein Stück Fleisch ab und biss hinein. Es war so zart, dass es beinahe auf der Zunge zerfiel. „Das schmeckt wirklich delikat und es ist butterzart.“
   „Das will ich auch hoffen. Für achtunddreißig Pfund darf man eine gute Qualität erwarten.“ Godric nahm ebenfalls einen Bissen, schloss die Augen und raunte zufrieden.
   „Achtunddreißig Pfund?“, rief Hunter perplex. „Deine Steaks in allen Ehren, aber eine Pizza hätte es auch getan.“
   „Pizza?“ Godric blickte Hunter entsetzt an. „Dein Vater würde mich entlassen, wenn ich seinem Sohn nur Pizza servieren würde. Du bist immerhin ein Earl.“ Verständnislos schüttelte er den Kopf und schob ein spöttisches „Italienisches Fast Food“ hinterher.
   „Erstens ist mein Vater der Earl, ich bin Detective Inspector, und zweitens wurde die Pizza – unterbrich mich, wenn ich falschliege – für Königin Margherita erfunden.“
   „Earl ist kein Beruf, sondern eine Berufung, und als Sohn eines Earls bist du was? Ein Earl“, entgegnete Godric. „Und im Übrigen haben die Pizzen, von denen du sprichst, wenig mit der gemein, die für Königin Margherita kreiert wurde.“
   „Godric, du bist ein kleiner Erbsenzähler“, erwiderte Hunter grinsend.
   „Ich nehme das als Kompliment und als Hinweis darauf, dass ich recht habe.“
   Von der Anrichte her drang zuerst ein Rumpeln, dann der Klingelton von Hunters Handy. Er erhob sich, um den Anruf entgegenzunehmen.
   „Dein Steak wird kalt“, rief ihm Godric mahnend hinterher.
   „Ich mache schnell.“ Er checkte das Display. „Es ist David, da sollte ich rangehen“, murmelte er und nahm ab. „Hey Partner, was gibt’s?“ Hunter hörte schweres Atmen, doch David sagte nichts. „Ist alles okay bei dir?“, fragte er. Erneut drang nur schweres Atmen in den Hörer.
   „Ich …“, röchelte die leise Stimme seines Partners. „Ich kann das nicht.“
   „Was kannst du nicht?“
   „Das mit Roberta. Ich sage das ab!“
   „Das wirst du schön bleiben lassen.“ Hunter hatte es geahnt.
   „Ich liege hier und zittere und schwitze“, hauchte er mit verzweifelter Stimme mitleiderregend in den Hörer.
   „Ich komme. Gib mir eine halbe Stunde. Bis ich da bin, legst du das Handy weg. Verstanden?“
   „Okay, ich lege es weg“, sagte David fast trotzig. „Aber es wird nichts an meiner Entscheidung ändern.“ Schon hatte er aufgelegt.
   „Was war denn?“, erkundigte sich Godric, als sich Hunter wieder zu ihm setzte und sein Besteck in die Hand nahm.
   „David hat Nervensausen wegen morgen.“ Er schnitt sich das nächste Stück ab und schob es sich in den Mund. „Hmm – wirklich ein Traum.“
   „Was ist morgen?“
   „Sein erstes Date mit Roberta“, entgegnete er noch halb kauend und schluckte.
   „Aber er sieht sie doch jeden Tag auf der Arbeit. Aus welchem Grund ist er nervös?“ Verwundert sah Godric Hunter an.
   „Frag mich bitte nicht. Ich verstehe es selbst nicht. So selbstbewusst und schlagfertig er sonst auch ist, kommt Roberta in seine Nähe, verwandelt er sich in einen stammelnden Frühpubertierenden, der kaum ein sinnvolles Wort herausbringt.“ Genüsslich ließ sich Hunter das nächste Stück Fleisch auf seiner Zunge zergehen. „Wobei es schon besser geworden ist. Sie können sich jetzt schon über so wichtige Dinge wie das Wetter oder die beste Trinktemperatur von Kaffee unterhalten, ohne dabei rot zu werden.“
   Godric runzelte die Stirn. „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden.“ Er nippte an seinem Rotweinglas. „Formidabler Jahrgang.“
   Hunter sah ihn fragend an, entschied sich jedoch dafür, es für den Moment gut sein zu lassen.
   „Wo wohnt er eigentlich?“, erkundigte sich Godric nach einer Weile.
   „In einer Eigentumswohnung hinter der Royal Albert Hall.“ Er nahm sein Handy und öffnete Davids Kontakt. „Kensington Gore 23.“
   „Keine besonders günstige Wohngegend. Wie kann sich ein Polizist in seinem Alter eine solche Wohnung leisten?“ Mit der Hand rieb sich Godric das Kinn, während er Hunter ansah.
   „Ich hatte dir doch erzählt, dass seine Eltern bei einem Brand ums Leben gekommen sind. Den größten Teil der Summe, die er aus deren Lebensversicherung bekommen hat, hat er in diese Wohnung investiert.“
   „Kluge Entscheidung. Eine Wohnung in London in dieser Lage ist immer eine gute Wertanlage.“
   „Wie dem auch sei. Ich mache mich auf den Weg. Nicht, dass er irgendwelche Dummheiten macht.“ Hunter tupfte sich den Mund mit der Stoffserviette ab und stand auf. „Du hast wie immer vorzüglich gekocht.“
   Zufrieden lächelte Godric ihn an. „Dann wünsche ich dir viel Erfolg. Und morgen gibt es dann Pizza. Versprochen.“

Als Hunter vor Davids Haus ankam, staunte er nicht schlecht. Aus irgendeinem Grund hatte er ein tristes Wohngebäude erwartet, in dem, wie in einem Plattenbau, eine Wohnung der anderen glich. Doch das Gebäude war alles andere als das.
   Vor ihm erhob sich ein Anwesen, das von unzähligen Erkern und Balkonen in verschiedenen Größen geziert wurde. Zur Eingangstür führte eine Steintreppe, deren Geländer aus kleinen Säulen bestand. Die Fassade war mit roten Ziegeln verklinkert, von der sich die strahlend weißen Sprossenfenster kontrastreich abhoben. Es schien sogar eine kleine Dachterrasse zu geben, wie er von seiner Position aus meinte zu erkennen. Ein Zaun trennte den Bürgersteig von einer kleinen Grünfläche, an deren Rand dichte Büsche an der Hauswand lehnten.
Das schmiedeeiserne Tor schwang mit einem leisen Quietschen auf. Hunter ging die Stufen zur Eingangstür nach oben. Am Klingelschild zählte er – in dem Haus gab es einundzwanzig Wohnungen. Er entdeckte auch Davids Namen und betätigte den Klingelknopf. Surrend öffnete sich einen Moment später die Tür und Hunter trat ein.
   Im Flur schraubte ein älterer Mann gerade mit einem Schraubenzieher ein Namensschild neben einer der Türen ab. Als er Hunter entdeckte, lächelte er ihn freundlich nickend an, bevor er mit seiner Arbeit fortfuhr.
   Hunter grüßte zurück und blickte sich um. „Guten Abend. Gibt es hier einen Lift?“, fragte er.
   „Nicht dass ich wüsste.“ Der Mann lachte auf. „Zu wem wollen sie denn?“
   „Zu Mr Cloverfield. David Cloverfield.“
   „Cloverfield?“, wiederholte er und tippe mit dem Griff des Werkzeugs an sein Kinn. „Ach, der junge Polizist, der vor ein paar Wochen eingezogen ist. Fünfter Stock.“
   Hunter bedankte sich und ging zur Treppe. Als er seinen Fuß auf die erste Stufe setzte, erwartete er ein Knarren, wurde jedoch enttäuscht. Die Treppe sah älter aus, als sie zu sein schien.
   „Ist etwas nicht in Ordnung?“
   „Nein, nein. Ich habe mich nur gewundert, dass sie nicht knarzt.“
   Der Mann lachte erneut auf. „Wenn Sie knarzende Stufen wollen, müssen Sie die andere nehmen.“ Er deutete in den Gang, an dessen Ende Hunter einen zweiten Treppenaufgang erkannte.
   Schmunzelnd schüttelte Hunter den Kopf. „Nein, danke. Ich nehme lieber diese hier.“ Er ging zwei Stufen nach oben, dann stockte er und wandte sich um. „Ist es nicht ungewöhnlich, dass ein solches Haus zwei Treppenhäuser besitzt?“
   Der Mann setzte den Schraubendreher wieder ab und sah zu ihm. „Das rührt daher, das Brick Manor früher zwei Häuser waren. Die damaligen Besitzer fanden es wohl praktisch, die Treppenhäuser so zu belassen und nur die Zwischenwände zu entfernen.“ Vergnügt gluckste er. „Oder ihnen ist das Geld ausgegangen. Wer weiß das schon.“
   „Gut zu wissen.“ Hunter verabschiedete sich und lief weiter nach oben. Kurz bevor er den fünften Stock erreicht hatte, kam ihm ein Mann entgegen. Sein Gesicht wirkte eingefallen und sein weißes Haar hing ihm in einem Mittelscheitel über die Ohren.
   „Hallo“, grüßte Hunter freundlich.
   Der Fremde blickte ihn beim Vorbeigehen ausdruckslos an, murmelte etwas Unverständliches in seinen ungepflegten Bart und ging weiter die Stufen hinunter, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Hunter drehte sich um und sah ihm nach. Erst jetzt fielen ihm seine viel zu kurzen Hosenbeine und die blutroten Socken auf, die er darunter trug. Er schüttelte innerlich den Kopf und lief die restlichen Stufen hoch.
   Im fünften Stock angekommen, spähte er in den Flur. David wohnte am Ende des Gangs, wie ihm die einen Spalt weit offen stehende Tür verriet. Er klopfte und vernahm ein „Ja“ aus dem Inneren der Wohnung, worauf er sie betrat.
   „Im Wohnzimmer“, rief David aus einem Raum am Ende eines kleinen Flurs. Er ging der Stimme nach. David lag auf seiner Couch und schaute ihm mit einem flehenden Blick entgegen.
   „Was ist mit dir?“, fragte Hunter.
   „Das habe ich dir doch schon am Telefon gesagt. Ich kann das nicht.“
   „Jetzt mal langsam. Als du heute nach Hause gegangen bist, war doch noch alles in Ordnung. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Darf ich?“ Er deutete auf den Sessel, der vor dem Kamin stand.
   Schwer schluckend nickte David, dann setzte er sich träge auf. „Ich bin nach Hause gefahren und habe noch einmal im Restaurant angerufen, um die Buchung zu checken.“
   „Ist damit etwas nicht in Ordnung?“ Hunter ließ sich auf den Sessel fallen und sank auf eine bequeme Art und Weise in das Polster. „Haben sie sie übersehen?“ Mit der Hand strich er über die Armlehne. Flauschig weich kitzelte es unter seinen Fingerspitzen.
   „Doch, natürlich. Was soll nicht in Ordnung sein? Alles ist gut mit der Buchung. Die Buchung steht.“
   „Ich verstehe nicht?“ Hunter versuchte, so mitfühlend wie irgend möglich zu klingen. „Wo liegt denn dann das Problem?“
   „Das Problem liegt darin, dass ich mich mit ihr zusammen am Tisch sitzend vorgestellt habe.“ Ein panischer Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Was soll ich mit ihr reden? Was, wenn mir nichts einfällt und wir nur dasitzen und uns anschweigen – wenn diese peinliche Stille herrscht, aus der es keinen Ausweg gibt? Was, wenn sie mich dann für einen Langweiler hält und mich nie wiedersehen möchte?“, platzte es aus ihm heraus wie aus einem Springbrunnen.
Auf seine Lippen wollte sich ein Grinsen kämpfen, doch Hunter gelang es, es hinunterzuschlucken. „Du bist nervös, das ist ganz normal.“
   „Hunter“, rief David. „Mein Kopf ist wie leergefegt, immer wenn ich an sie denke.“
   Hunter legte seine Stirn in Falten. „Redet doch übers Wetter. Das ist immer ein gutes Thema“, schlug er vor.
   Angespannt ließ David sich ins Polster sinken. „Wow. Toll! Das Wetter. Wie originell. Dreißig Sekunden gerettet.“
   „Aber ihr habt doch in den letzten Tagen auch öfter im Büro geredet. Wo liegt der Unterschied?“
   David fixierte einen Punkt auf dem Boden. „Das war etwas anderes. Da waren wir im Büro und das Reden war Nebensache. Es ist einfach so passiert, aus der Situation heraus. Außerdem warst immer du dabei. Aber morgen … morgen wird es ums Reden gehen, nur ums Reden. Sie, ich und Reden.“
   „Also David bitte – es gibt tausend Themen, über die ihr sprechen könnt. Erzähl ihr doch einfach etwas über dich und dann erzählt sie etwas über sich, du hörst zu und fragst nach. Du bist Polizist. Stell dir einfach vor, sie wäre eine Verdächtige und du befragst sie.“
   „Und ihr Verbrechen wäre …? Okay, nehmen wir mal an, ich erzähle ihr, dass ich in der Schule zu den Sportassen gehört habe, und sie sagt nur aha.“
   „Das würde für mangelndes Interesse an dir sprechen, was aber nicht der Fall ist. Ihr schmachtet euch, seitdem du bei uns auf dem Yard bist, an. Glaubst du wirklich, dass sie so reagiert?“ Hunter überschlug seine Beine und lehnte sich zurück.
   „Nein.“ Davids Blick nagelte sich wieder am Teppich fest. „Aber was, wenn doch?“
   „Das wird nicht passieren. Du blockierst dich gerade selbst. Stell dir doch einfach vor, ihr begegnet euch im Büro und die Unterhaltung läuft.“
   David schaute flehend zu Hunter. „Kannst du nicht mitkommen?“, fragte er bettelnd.
   „Zu deinem Date?“ Er sah David perplex an. „Denkst du, Roberta fände es gut, wenn wir zu zweit auftauchen?“ Er lachte auf und wollte es als einen Scherz abtun, doch Davids Gesichtsausdruck verriet ihm das Gegenteil.
   „Sie muss es ja nicht wissen“, raunte er und beugte sich zu ihm. „Du musst nur da sein, dann fühle ich mich sicherer.“ Er hielt ihn fest im Blick. David war es wirklich ernst damit.
   „Und wie soll das gehen? Als das Sich-unsichtbar-Machen in der Schule gelehrt wurde, war ich leider krank.“ Er schüttelte amüsiert den Kopf.
   „Ich habe im Wild Jungle einen Tisch reserviert. Da gehe ich öfter hin. Die Tische dort stehen in Nischen, die nur bedingt einsehbar sind. Zufälligerweise ist der Tisch neben unserem noch frei … gewesen.“
   „David Cloverfield!“ Hunter wusste nicht, ob er ihn richtig verstanden hatte. „Willst du mir gerade mitteilen, dass du für mich mitreserviert hast?“ Er suchte noch immer nach einem Hinweis, der das Ganze endlich als Spaß outen würde, doch nichts an David deutete darauf hin.
   Verschämt lächelte David, zupfte an seinem Ohrläppchen, schwieg jedoch.
   Hunter holte tief Luft und ließ sie langsam wieder entweichen. Ein wenig tat David ihm ja leid. Zu oft hatte er in den letzten Wochen mitbekommen, wie er und Roberta sich angeschmachtet hatten, anfangs ohne Worte füreinander zu finden. Sie beide gehörten zusammen, dessen war er sich sicher. Er überlegte, während ihn David bittend ansah. Was wäre so schlimm daran, ihnen ein wenig Starthilfe zu geben, und sei es nur durch meine Anwesenheit?
   „Na gut. Ich werde da sein“, sagte er schließlich und fügte mit festem Ton hinzu: „Aber sobald es bei euch läuft, verschwinde ich und wir werden nie wieder darüber sprechen und auf keinen Fall wird Roberta jemals davon erfahren. Verstanden?“
   David sprang auf und fiel ihm um den Hals. „Danke. Du bist ein echter Freund.“
   „Schon gut, schon gut“, wiegelte Hunter mit einem Hauch Verlegenheit ab. „Also? Wie soll das morgen ablaufen?“
   Der markdurchdringende Schrei einer Frau verhinderte, dass David antworten konnte.

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